Autoren-Magazin

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Zitat des Tages: »Selbstentblößung gehört nun einmal zum Geschäft des Dichters.« – Paul Muldoon

Das Unwort des Zeitalters

„Dürfte ich das Unwort des Zeitalters bestimmen, so käme nur eines in Frage: kommunizieren. Ein Autor kommuniziert nicht mit seinem Leser. Er sucht ihn zu verführen, zu amüsieren, zu provozieren, zu beleben. Welch einen Reichtum an (noch lebendigen) inneren Bewegungen und entsprechenden Ausdrücken verschlingt ein solch brutales Müllschluckerwort!“
– Botho Strauss

Und wie lautet Ihr Vorschlag?
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Ich halte das Wort veraltet für überflüssig. Es klingt abwertend für Dinge die geändert oder ersetzt wurden. Gelten Kunstschätze und frühere Literatur ebenfalls als veraltet? Nein! Sie werden mit den Jahren immer wertvoller.
Wer hat das Recht, etwas als veraltet zu bezeichnen? Es kann doch lediglich nur "anders" geworden sein. Ich mag dieses Wort nun mal nicht leiden und benutze es auch nie.
Rita Hajak


Es gibt ein Wort, das ich hasse wie die Pest, ein kleines anscheinend harmloses, aber nichtsdestotrotz ein bösartiges. Es schleicht sich besonders gern in irgendwelche Filme mit technischem Inhalt, wo sich mittels - ups - da isses wieder, das widerwärtige "mittels". Da wird mittels eines Schraubers geschraubt, oder mittels eines CA-Programms erfunden. EEkelhaft. Das "mittels" gehört weg-erfunden!
Helga Ahrens


Eines der übelsten Wörter ist für mich "Betroffenheit" oder "betroffen sein". Jeder benutzt es, um seine Gefühle bei diesem oder jenen Ereignis salonfähig zu machen. Wer nicht sagen kann: "Da muss ich heulen" oder "Das macht mich stinksauer", bei dem bedeutet "Ich bin sehr betroffen"  höchstwahrscheinlich: "Das geht mir am A*** vorbei."
Claudia Arnold

Das Unwort des Zeitalters ist das von der Rüstungsindustrie benutzte Wort
weiche Ziele, weil es verschleiert, was gemeint ist: Menschen.
Hanns Schneider

Das Unwort unserer Zeit ist fraglos das kleine Wörtchen Terror bzw. Terrorismus. Die Bedeutung des Wortes ist seit den Vorgängen des 11.09.2001 einer seltsamen Wandlung unterworfen. Terror bedeutet eigentlich Schrecken - jemanden terrorisieren bedeutet, ihn in Angst und Schrecken zu versetzen. Das Fremdwörterlexikon fügt den Bedeutungen hinzu: rücksichtsloses Vorgehen, Bedrohung, Einschüchterung. In den USA fällt es etwa in Texas bereits unter pauschalen Terrorismusverdacht, wenn sich ein paar Umweltschützer in einer Kneipe treffen und über eine Protestaktion diskutieren. Zugleich ist es völlig okay, ganze Länder zusammenzubomben und das eigene Volk mit Lügengeschichten und einer ständigen Alarmstufe Gelb einzuschüchtern. Terroristen sind immer die anderen - das ist ohnehin eine Binsenweisheit. Aber ein dermaßen unverfrorener Gebrauch eines vergewaltigten Wortes mitten im Medien- und Informationszeitalter ist doch zumindest erstaunlich.
Stefan Thiesen

Das Unwort des Zeitalters ist für mich Kontingente. Wie leicht lässt sich ein "Kontingent Soldaten" in einen Krieg schicken. Es beinhaltet eine große Distanz zu dem, was da wirklich geschieht. Wie anders würde es sich anhören, wenn man das in Zahlen ausdrücken würde! Und hinter jeder einzelnen Zahl Schicksale sehen würde. So aber geistert immer wieder dies Wort durch alle Medien und kaum jemand macht sich Gedanken darüber.
Susanne Müller

Mein Beitrag zu "Das Unwort des Zeitalters" ist POPPEN ...
und das aus mancherlei Gründen... Wer "Ficken" nicht aussprechen mag, weil es zu hart, zu obszön klingt, der benutzt es. Wer "miteinander schlafen" als zu langweilig empfindet, der verwendet es. Das Wort "Poppen" nimmt dem Ganzen den Zauber, der der gemeinten Tat inne wohnt. Es macht sich darüber lustig ohne wirklich humorvoll zu sein. Es beschreibt etwas als unscharf, was genau genommen das ganze Gegenteil davon ist. Es ist ein Kunstwort, dass bestenfalls in einem Softporno zuhause sein könnte... aber leider sich längst im allgemeinen Sprachgebrauch verbreitet hat. Leider!
Frank Lauenroth

Das "Unwort des Zeitalters" kann nur das Wort "Unwort" selbst sein.
Statt die Sache hinter dem Wort "Unwort" beim Namen zu nennen, nämlich Lüge, Betrug, Verfälschung, Volksverdummung und oft genug schlicht Verarschung, bekommt das jeweilig zum "Unwort" gekürte Wort auch noch einen Titel verliehen. Dieser Titel "Unwort" selbst aber ist auch nur ein "Unwort" im selben Sinne, nennt er doch die echten Gründe auch nicht beim Namen.
Jens Venzke

Unwort? Ich denke an das Wort "total".
Es erschreckt mich - viele Worte der Propaganda (eindeutige LDI - Worte) der NAZI-Diktatur werden offensichtlich und bewußt in Zeitungen, Werbung, Fernsehen benutzt. Das macht mich rasend! Die Werbetexter sind ja so "kreativ".Manchmal weiß ich nicht recht: ist es nun gut, daß ich jenes oder jenes Wort geschrieben habe, das mißbraucht wurde. Ich suche dennoch nach einem anderen Wort. (nicht alle Worte und Sätze daraus kann man wissen) > Ich würde mich über eine Antwort freuen, wie Ihr über dieses Thema denkt (auch auf die Worte der Sozialismus/Kommunismus- Propaganda bezogen).
Mit freundlichen Grüßen Carsten Frömel

Ich halte das Wort "Altlasten" für das Unwort des Zeitalters.
Zum einen suggeriert es, dass es eine Konjunktion zwischen diesen beiden Begriffen gibt, zum anderen fällt beim Überblick über die Verwendung die wahre Perversion auf. Die Abartigkeit besteht darin, dass es sowohl für immateriellles, wie "Altlasten einer Person aus früheren Partnerschaften" (so gelesen in einem Partnerportal), als auch für materielles genutzt wird (im Bereich der Abfallentsorgung). Bestürzend für mich, wie sich abstraktes im Konzert mit diesem Wort als entsorgbar oder deponierbar tarnt. Ebenso verdeutlicht es den Wunsch nach einer Makellosigkeit, die steril und lebensfeindlich ist! Wer keine Altlasten hat, wird vom Sturm der Geschichte weggefegt werden! <---und das auch noch zurecht!
Grüsse von Daria Brit Grosser

Aus meiner Sicht ist "Wirtschaftlichkeit" das Unwort dieses Zeitalters, denn durch die immer mehr in den Mittelpunkt gerückte Fixierung auf die Wirtschaftlichkeit allen Tuns bleibt die Schönheit eben dieses Tuns auf der Strecke. Jede Handlung, jeder Mensch wird reduziert auf seinen Nutzen zur Steigerung des Bruttoinlandsproduktes oder des Umsatzes eines Unternehmens. Die wahre Widerwärtigkeit der Wirtschaftlichkeit liegt in ihrer tiefen Verwurzelung in Geiz, Angst und einem manischen Misstrauen allem Lebendigen gegenüber. Das Leben selbst ist verschwenderisch. Es verschenkt sich und genießt ihr Verströmen in alle Zeiten und Räume, während die Wirtschaftlichkeit stets schlecht gelaunt ihre Eckdaten neu kalkuliert, nur um am Ende noch ein Stück Leben, noch einen Kindergarten, ein Theater, eine Postfiliale mit dem Rotstift der Wirtschaftlichkeit auszulöschen.
Mit herzlichen Grüßen, Alexander Gottwald

Durch meine fast 2-jährige Arbeit in meinem Ministerium hat sich bei mir eine Abneigung gegen den Begriff "signalisieren" herausgebildet. In Ministerialkreisen wird es immer dann verwendet, wenn jemand eine (oft sehr vage) Andeutung gemacht hat und die Kolleginnen und Kollegen sich mit Deutungsversuchen beschäftigen. Oft ist es so, dass man erst eine Zeitlang später feststellt, wie diese Bemerkung gemeint war... Da ich grundsätzlich für klare Aussagen bin, habe ich gegen das Wort mittlerweile eine Abneigung entwickelt.
Viele Grüße Ina Degenaar

Es gibt kein Unwort. Es gibt eine Gesellschaft, die Armut und Kriege toleriert, da diese demokratisch sind, aber plötlich politisiert aufspringt und geifernd mit dem Finger auf Worte zeigt, die abartig und obszön sind. Was soll das sein? Kompensation der eigenen moralischen Unzulänglichkeit? Das ist in der Tat abartig und obszön: Worte auszuwählen, die für Schreckliches stehen und sie für immer aus dem legitimen Wortschatz zu streichen, anstatt gegen das eigentlich Schreckliche etwas zu tun. Deshalb wähle ich kein UNwort, sondern eine UNgesellschaft: UNsere.
Gruß Till Buchloh

Für mich ist das Unwort des Zeitalters "anmachen" oder, noch ärger, "die Anmache". Diese Mißgeburt eines "deutschen" Wortes bedeutet bei uns in Österreich so viel wie in -die-Hose-sch... bzw. sich-anmachen. Was das allerdings mit balzen, werben oder flirten zu tun haben soll, ist mir schleierhaft...
Freundliche Grüße, Marta Pechmann

Das Unwort unseres Zeitalters ist für mich "E-Mail". Ich weiss weder, ob es ein Junge oder ein Mädchen ist, ob es zerbricht, wenn ich es fallen lasse oder bei wie viel Grad ich es waschen darf. Beginnen wir mit einer urologischen Untersuchung: Was für ein Geschlecht hat das Ding eigentlich? In der Schweiz und Österreich schickt man eines. Schickt man dieses eine nach Deutschland, wird daraus eine. Richtig traurig wird es dann, wenn wir das Wort mit einem anderen zusammenhängen wollen: E-Mailadresse geht nicht, wir können das Wort nicht so elegant zusammenhängen, wie es im Deutschen üblich ist, nein. E-Mail-Adresse muss es dann heissen. Das ist ja übelster Pfusch! Man sieht ja noch von weitem, wo das Ding zusammengeklebt worden ist! Einmal kräftig schütteln, schon zerbricht es wieder. Da hält ja das gute alte Email noch mehr aus.
Gruss, Emanuel Lorini

Humanressourcen, das ist wirklich ein furchtbares Wort, und dann die Begründung der Einführung: "Humankapital" ist vergänglich, aber "Humanressourcen" kann man immer und immer wieder nutzen. - Damit wird der Mensch endgültig zur Ware.
Mit freundlichen Grüßen, Nino Brachypelma

Das absolut diffamatorische Unwort des Jahres ist meines Erachtens Ich-AG.
Herzliche Grüße! Fritz Vilmar

In meinen Empfindungen und Weltbildern gibt es für ein Wort wie ethnische Säuberungen keinen Platz. Dieser Euphemismus, der wie viele seiner Art zu der Klasse der Unworte gehört, wurde verstärkt in der Bosnien-Krise eingesetzt und zeigt wie wenig Menschen einer anderen Religion oder Volksgruppe, in einem entsprechend konditionierten und erzogenen Bewusstsein und mehreren Wert sein können. Es ist ein Beispiel dafür wie leicht Worte Grausamkeiten und Ungerechtigkeiten übertünchen können. Jeder Schriftsteller sollte meiner Meinung nach sich immer bewußt sein, welche Worte und damit Einstellungen er verbreitet. Denn "die Feder ist mächtiger als das Schwert".
Salve Christian Klopfer

Was sich in Deutschland abspielt, kann man nicht als Kinderfeindlichkeit, sondern als Desinteresse und Gleichgültigkeit gegenüber Kindern anprangern. Die wirtschaftliche Unsicherheit auf dem Arbeitsmarkt ist gerne eine verbale Ausrede für Egoismus und Angst vor Freiheitseinschränkung. Nicht nerviges Kindergeplapper und eine flexible Umgestaltung unseres persönlichen Freiraums sind unsere Feindbilder, sondern die Angst vor der eigenen Courage auch in konsumeingeschränkten Zeiten sich die Sehnsucht nach eigenem Nachwuchs einzugestehen, der trotz finanzieller Einbußen eine Bereicherung der ganz besonderen Lebensart ist.
Danja Predige

Menschen mit Migrationshintergrund ist die Dumm-Steigerung des Begriffs "Migrant/in" - gemeint sind Einwanderer. Doch da Deutschland kein Einwanderungsland sein soll, haben wir hier nur Menschen mit Migrationshinzergrund.
Viele Grüße aus Köln! Wolfgang Schmid

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