Autoren-Magazin

Unabhängige, kritische Informationen von Manfred Plinke für Autoren mit aktuellen News, Meinungen, Tipps, Seminaren, Adressen.
Zitat des Tages: »Wenn ein Autor behauptet, sein Leserkreis habe sich verdoppelt, liegt der Verdacht nahe, daß der Mann geheiratet hat.« – William Beaverbrook

Der spitze Stift

af670c7bf3964f07e6b5c862eec20d4f.jpg»Ich kann nicht gut Sex beschreiben, das liegt mir nicht«, gesteht John Grisham, ein Schreibroutinier, der Millionen mit seinen Büchern unterhält. Und er ist nicht der Einzige, der dort versagt, wo es für den Leser interessant wird.

Misslungene erotische Szenen und abgegriffene Metaphern für Sex in der Literatur, dafür gibt es hübsche Beispiele: Da ist von einem "festen Schaft" die Rede. "Lustgrotten" tun sich auf und ebensolche "-sprossen" und "-perlen" werden entdeckt, garniert von "üppigen Blütenblättern". Man wird von einem "zitternden Opferstab" überrascht, der den "Tribut der Leidenschaft zollt" oder der "Vereinigung ihrer empfindlichsten Körperteile" dient ..."

Macht es Autoren keinen Spaß, es zu be-schreiben? Michel Houellebecq fand es "sehr erregend", Sex-Szenen zu schreiben, allerdings wirkt er ziemlich verlegen, wenn er solche Passagen aus seinem Werk vorträgt.

Die Autorin Elizabeth Benedict, die in ihrem Buch Erotik schreiben erklärt, wie man gute Sex-Szenen schreibt, versichert: "Es ist – wirklich! – völlig in Ordnung, wenn Sie beim Schreiben erregt werden." Soweit die Autoren, aber was ist mit den Leserinnen und Lesern, wenn sie sich nur über die holperige Sprache, die hilflos plump beschriebene Sex-Szene erregen? Wer Glück hat, findet unfreiwilligen Humor darin und freut sich wenigstens daran.

Spitze Texte

"Ich spreizte sanft Valéries Schenkel, um in sie einzudringen. Gleichzeitig befeuchtete ich meine Finger, um ihre Klitoris zu streicheln. Als sie anfing zu stöhnen, merkte ich, dass sie wach war. Sie richtete sich auf und kniete sich aufs Bett. Ich drang immer heftiger in sie, spürte an ihrem schnell gehenden Atem, dass sie bald kommen würde. Als sie den Orgasmus erreicht, bäumte sie sich auf und stieß einen markerschütternden Schrei aus; dann rührte sie sich nicht mehr, war wie am Boden zerstört. Ich zog mich aus ihr zurück ..."
Wenn sich da nicht der eine oder andere Leser mit einem markerschütternden Schrei bereits von Michel Houellebecqs Plattform zurückgezogen hat!

Oder nehmen wir diesen Vergleich: "Sie ... führte meine Hand zwischen ihre Schenkel. Dort war es heiß und feucht, was zu erwarten gewesen war, aber sie hätte meine Hand genauso gut auf eine Pizza legen können, der Effekt wäre derselbe gewesen. Ich überlegte tatsächlich, ob ich eine Pizza und meine Frau nur über den Tastsinn würde auseinanderhalten können..."
Aus Doris Dörrie: Was machen wir jetzt? Ja, was machen wir jetzt? Da werden wir nachdenklich, nicht wahr?

Zwischendurch überhäufen sich die beiden "Mädchen" mit süßen Schweinereien.
"Ich würd dich gern lecken, Julie!" quiekt Samantha.
"Oooooh", stöhnt Julie, "wenn du nur könntest."
So schnell geht’s nur virtuell, meint J.C. Herz in Surfen auf dem Internet

In seinen Büchern wird zwar "gefickt" und "gevögelt", aber nichts beschrieben: Sie war wild im Bett und geriet rasch außer sich. Schon beim zweiten Mal glitten wir, ohne es zu bemerken, auf den Boden, sie tobte weiter wie von Sinnen auf mir herum und es gefiel mir so gut, dass ich sie auch mit vier weiteren Männern geteilt hätte."
Nur mitgeteilt hat er nichts, der Joseph von Westphalen in seinem Buch Warum mir das Jahr 2000 am Arsch vorbeigeht!

"Sein Körper preßt sich an ihren und genießt die neue Entdeckung. Das Bewußtsein taucht wieder ab - vergeblich. Die Sinnlichkeit ist miterwacht. Die Lebensgeister stehen einer nach dem anderen auf und beginnen mit geschlossenen Augen zu marschieren. Bald sind sie alle unterwegs, und es formieren sich die Armeen. Erste Kundschafterhände überschreiten die Grenze und sondieren das schlafende Gelände. Hügelkuppen und Durchmarschgebiete werden heimlich erkundet. Spähtrupps bereiten die Stellungen vor, und langsam erwacht auch der Gegner. Aber er leistet kaum Widerstand, im Gegenteil, er umarmt den Feind und hält, wie ein Christ, auch die linke Backe hin. Der Eroberer wird als Befreier begrüßt. Aus dem Überfall wird unversehens ein Wettbewerb der Unterwerfung. Der Krieg wird zum ekstatischen Fest eines langanhaltenden Feuerwerks".
Aus den Memoiren eines Feldwebels?
Geschrieben bei den zarten Klängen eines Marsches der Bundeswehrpanzergrenadierband?
Weit gefehlt, es war Dietrich Schwanitz in Der Zirkel, Goldmann 2000.